Deutschland
Kanonenboot
Indienststellung 1915, Modellzustand 1916,
Neuware
Die Meyer-Werft in Papenburg erhielt 1913 den Auftrag zum Bau eines Kolonialdampfers zum Einsatz auf dem Tanganjika-See, welcher damals größtenteils zur deutschen Kolonie Ostafrika gehörte. Das Schiff wurde auf der Weft in 10 Monaten fertiggebaut und anschließend wieder in seine Einzelteile zerlegt und – in 5.000 Holzkisten verpackt – auf die Reise nach Ostafrika geschickt. In Daressalam angekommen, wurden die Kisten mit der kurz vorher eröffneten Mittellandbahn nach Kigoma am Tanganjika-See befördert.
Dort wurde das Schiff von ca. 270 einheimischen Arbeitern unter der Leitung von drei mitgereisten Fachkräften der Meyer-Werft aus den Einzelteilen wieder zusammen gebaut. Am 5. Februar 1915 erfolgte nach den nicht immer einfachen Arbeiten der Stapellauf als Graf Goetzen (siehe mm 002). Aufgrund des begonnenen Weltkrieges wurde das Schiff jedoch gleich wieder außer Dienst gestellt.
Am 9. Juni 1915 wurde es mit je einer SK 10,5 cm und SK 8,8 cm sowie zwei 3,7 cm-Geschützen von der nicht mehr einsatzbereiten S.M.S. Königsberg, welche später im Rufiji-Delta versenkt wurde, ausgerüstet und als S.M.S. Goetzen (siehe mm 002a) in Dienst gestellt. In Kasanga, dem ehemaligen Bismarcksburg, wurde die S.M.S. Goetzen zusammen mit einer Garnison von ca. 1.000 Soldaten stationiert, um die Seeherrschaft auf dem Tanganjika-See sicherzustellen. In der Folgezeit versenkte sie einen kleineren englischen Dampfer und ermöglichte der deutschen Schutztruppe unter General Paul von Lettow-Vorbeck rasche Truppenverlegungen und die Versorgung seiner Truppen über den See. Am 10. Juni 1916 wurde das Schiff von belgischen Wasserflugzeugen bombardiert und, als es zur Reparatur in Kigoma lag, einige Tage später erneut. Zwischenzeitlich hatten die Briten auch zwei Motortorpedoboote auf dem beschwerlichen Landweg zum See gebracht und gemeinsam mit den Belgiern gelang es, die Deutsche Schutztruppe vom Tanganjika-See abzudrängen. Die Deutschen versenkten daraufhin die S.M.S. Goetzen selbst in seichtem Wasser, nicht ohne zuvor sämtliche Teile gründlich einzufetten. Noch im Jahr 1916 wurde das Schiff von den Belgiern gehoben und am Kai in Kigoma vertäut. Während eines Sturmes im Jahr 1920 sank das Schiff erneut.
Nach Kriegsende ging Deutsch-Ostafrika im Jahre 1922 an die Briten als neue Kolonialmacht über. Erst fünf Jahre später machten diese sich daran, das Schiff erneut zu heben. Am 16. Mai 1927 war das Schiff wieder fahrbereit und wurde in Liemba (siehe mm 002b) umgetauft. Es wurde als Transportschiff für Kupfer aus Sambia und dem Kongo, Kaffee aus Burundi und Edelsteine aus Kasai und Katanga eingesetzt. All dies wurde über den See zur ehemaligen deutschen Mittellandbahn gebracht. Auch der kleine Grenzverkehr blühte und das Schiff nahm eine wichtige Funktion wahr. Im Jahr 1961 erlangte das Mandatsgebiet zusammen mit der Insel Sansibar als Tansania die Unabhängigkeit und am Flaggstock der Liemba ging die neue Fahne hoch. Das Schiff wurde weiterhin als Flaggschiff der tansanischen Binnenflotte intensiv genutzt.
1970 wurde das Schiff aufgelegt, der Maschinenraum ausgeschlachtet und die Verschrottung beschlossen. Da tauchte plötzlich der Schiffsbauingenieur Patrick Dougherty aus Irland auf. Er war sofort Feuer und Flamme für eines der ältesten Dampfschiffe weltweit und so überredete er den tansanischen Präsidenten Nyerere zu einem bedeutsamen Schritt zur Rettung des Schiffes. Mit Hilfe von Weltbank und Entwicklungshilfegeldern wurde die Liemba umgebaut sowie modernisiert und erhielt so ihr heutiges Aussehen. Im November 1976 lief die Liemba zum vierten mal in ihrer bewegten Geschichte aus dem Dock. In den 1990er Jahren wurde die Maschine von einer dänischen Werft vor Ort überholt. Heute ist die Liemba das einzige größere Schiff auf dem Tanganjika-See. Sie verkehrt regelmäßig auf einer ca. 700 km langen Route an der Ostseite des Sees zwischen Mpulungu in Sambia bis nach Kigoma. Dabei fährt sie verschiedene Orte dazwischen an; wo keine Hafen ist, erfolgt das Be- und Entladen über kleine Barkassen. Bevor 1994 in Burundi und einige Jahre später im Kongo blutige Bürgerkriege ausbrachen, wurden auch noch weitere Orte auf der Westseite des Sees angesteuert. Es spricht für die Wertarbeit der Werft sowie das fast an Zauberei anmutendes Improvisationstalent seiner Besatzung, dass das Schiff auch fast 100 Jahre nach dem ersten Stapellauf immer noch zuverlässig seiner Aufgabe nachgeht.
Zwischenzeitlich mehren sich die Gerüchte, dass die Liemba im Jahr 2013 wohl doch endgültig außer Dienst gestellt werden soll. Im Herbst 2009 meldeten daher mehrere Medien, dass der Papenburger Heimatverein prüft, das wohl älteste noch fahrende größere Dampfschiff wieder nach Hause zu holen und als Museumsschiff zu erhalten.
Es scheint, die lange Reise der Liemba ex Graf Goetzen ist noch nicht zu Ende.